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"Falsche Erinnerungen" an sexuellen Missbrauch? Die Seite für Betroffene Die Wahrheit tut einfach zu weh (von M. Schalleck)„Genau so war es.“ – Glücklich, wer seine eigenen wichtigen Erinnerungen so bewerten kann. Gesunde Menschen sind sich meist ziemlich sicher über ihre Erinnerungen (und irren sich trotzdem häufiger in Details als sie es sich vorstellen können). Wie anders geht es da vielen Opfern von traumatischen Erlebnissen. Was ist ein Trauma?Im engeren Sinn ist ein Trauma ein Erlebnis akuter Lebensbedrohung, das über einen längeren Zeitraum anhält und dem man hilflos ausgeliefert ist. Auch starker, rein psychischer Stress über einen längeren Zeitraum in der Kindheit kann ähnlich wirken wie ein solches Trauma. Kaputte ErinnerungenNicht alle Traumaopfer leiden unter Erinnerungsstörungen, aber ein guter Teil von ihnen. Die Erinnerung ist im Allgemeinen um so stärker beeinträchtigt, je jünger das Opfer, je akuter, länger und häufiger die Todesdrohung war. Es spielt z.B. auch eine Rolle, ob das Trauma ein Verheimlichtes war oder eines, über das gesprochen wurde, ob es ein Trauma war, das einem ein anderer Mensch mutwillig zugefügt hat, ob ein Gewalttäter im Leben seines Opfers außerdem eine vollkommen gegenteilige Rolle einnimmt (z.B. Eltern als Täter). All diese Faktoren, zusammen mit persönlichen Veranlagungen und mentalen Fähigkeiten des Opfers, beeinflussen, ob, wann und wie sich ein Opfer an ein solches Trauma erinnern wird. Erinnerungsstörungen nach einem Trauma zeigen sich in zwei gegensätzlich scheinenden, aber in Wahrheit zusammengehörigen Ausprägungen. Entweder, das Opfer erinnert sich zu stark, es hat den Eindruck als würde es das Ganze noch einmal und immer wieder genauso erleben wie es war. (Dies passiert erwachsenen Traumaopfern am häufigsten, Kindern weit seltener). Oder aber, das Opfer erinnert sich für lange Zeit nicht oder kaum an seine Erlebnisse. Es kann zum Beispiel sein, dass man um die Ereignisse weiß, aber die Gefühle vollkommen „vergessen“ hat – bis man eines Tages doch wieder davon eingeholt wird. Es kann aber auch sein, dass man jedes Wissen über die Ereignisse „vergisst“, und zwar für viele Jahre. Das Vergessen kann bereits im Moment des Geschehens einsetzen oder danach Schritt für Schritt mit regelrechter Anstrengung vollbracht werden. Es kann sein, dass man sich eines Tages wieder erinnert, nur um dann ein weiteres Mal alles zu „vergessen“. Es kann sein, dass zusammenhangslos Gefühle (z.B. Angst, Verzweiflung) und körperliche Eindrücke (z.B. Schmerzen, Berührungsempfindungen) auftreten. Es kann sein, dass Betroffene sich außerhalb starker Erinnerungseindrücke als taub und gefühllos empfinden. Es kann sein, dass Bruchstücke und Bilder auftreten, aber die vollständige Erinnerung sich nicht einstellt. Wenn die Erinnerung sich wieder vollständiger einstellt, tut sie das oft auf die oben genannte Weise: Das Opfer erinnert sich zu stark und wird von Erinnerungen und Horror überwältigt. All die genannten Phänomene treten nachweislich nach Ereignissen auf, die ohne jede Frage stattgefunden haben. Wenn sich Erinnerungen an sexuellen Missbrauch also auf die eben beschriebene Weise verhalten, ist dies viel eher ein Indiz dafür, dass die Erinnerungen echt sind als dass sie falsch sein könnten (wie von der False-Memory-Lobby dargestellt). Zweifel am eigenen VerstandDennoch wundert es nicht, dass Menschen mit solchen Erinnerungsphänomenen regelmäßig an ihrem eigenen Verstand zweifeln. Solches zersplitterte, außer Kontrolle geratene Erinnern entspricht nicht gerade der landläufigen Vorstellung davon, wie Menschen sich an wichtige Erlebnisse erinnern. Es ist nicht leicht zu verstehen, wie man ausgerechnet etwas derart Schlimmes vergessen kann. Wie dieses Vergessen funktioniert, ist noch nicht wirklich erforscht (Forschungsansätze gibt es jedoch) – dass es regelmäßig passiert, steht jedoch außer Diskussion, s. Literatur. Falsche ErinnerungenWer von uns wüsste nicht, wie fehlbar menschliche Erinnerungen sein können? Zu der angeblich revolutionären "Entdeckung" „falscher Erinnerungen“ durch amerikanische Forscher ist folgendes zu sagen:
Die Wahrheit tut einfach zu wehIm Grunde ist es ganz einfach: Die Wahrheit tut einfach zu weh. Dass dies tatsächlich dazu führen kann, dass Opfer ihre schrecklichen Erlebnisse „vergessen“ und zu etwas ganz anderem umdeuten, zeigte bereits eine eindrucksvolle Studie des berühmten Milton Erickson aus dem Jahr 1938. Erickson dokumentiert hier, wie die Erinnerungen zweier Mädchen, die von ihren Eltern als Prostituierte gehalten worden waren, sich im Laufe einiger Monate schrittweise veränderten. Der Missbrauch war zweifelsfrei bewiesen, die Täter geständig und verurteilt, und die Mädchen wohnten fortan im Heim. Bereits nach einigen Monaten war aus ihren anfänglich deutlichen Erinnerungen und aus der Wut auf die Täter etwas ganz anderes geworden. Sie bestanden darauf, nie missbraucht worden zu sein. Sie erinnerten sich zwar noch an ihre anfänglichen Aussagen, aber jetzt erklärten sie, dass diese sich nicht auf reale Erlebnisse bezogen hätten, sondern auf Lügen, die einer der angeklagten Männer erzählt hatte. Auffällig in diesem und in anderen Fällen war, dass die Opfer in jeder Hinsicht glaubwürdig erschienen und allem Anschein nach wirklich keine Erinnerung mehr an die Ereignisse als Teil ihres Lebens hatten. Erickson beobachtet, dass solche rätselhaften Widerrufe von Aussagen von Belastungszeugen ein ernsthaftes Problem darstellten, weil sie dazu führen konnten, dass gefährliche Gewalttäter freigesprochen würden. Solche Widerrufe sind nach Erickson besonders unter bestimmten Bedingungen zu erwarten. Zu diesen Bedingungen gehören: besondere Demütigung, als Objekt und nicht als Mensch behandelt worden zu sein, eigene Beteiligung an den Taten, sexuelle Handlungen u.a.m. (vgl. im Einzelnen „Rotkäppchens Schweigen, S. 291 ff.) Wie schön wäre es doch, wenn man nur verrückt wäre und nicht missbrauchtWas hätte ich darum gegeben, wenn ich das hätte glauben können: Ich erinnere mich nur deshalb an sexuellen Missbrauch durch eine nahestehende Person, weil ich verrückt geworden bin. Als ich mich wieder erinnerte, habe ich mir diese Theorie sogar selbst ausgedacht (vielleicht auch als Kind beigebracht bekommen), aber ich habe zuerst niemanden gefunden, der sie mir bestätigen wollte. Ich frage mich manchmal, wie mein Leben wohl weiter gegangen wäre, wenn mein damaliger Therapeut bei mir eindeutig die Diagnose „Falsche Erinnerungen“ gestellt hätte, wie ich es mir für lange Zeit wünschte. Aber er vertrat beharrlich die Ansicht, dass die einzige Person im Raum, welche die Wahrheit über meine Vergangenheit kennen konnte, ich selbst war. Und so musste ich mich dem stellen, was in mir war. Wenn die Opfer verwirrt sind, freuen sich die TäterDie Zweifel am eigenen Verstand und die Unerträglichkeit der erlittenen Demütigungsgefühle – beides nutzen die Täter für ihre Zwecke. Nichts leichter als einem solchen Opfer etwas dabei zu „helfen“, die eigenen Erinnerungen zur Lüge zu erklären. Wenn man einem solchen Opfer nämlich noch erklärt, es sei wissenschaftlich erwiesen, dass seine Erinnerungsphänomene unmöglich Erinnerungen sein könnten, rennt das nicht selten offene Türen ein. Wissen hilft,
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